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12.12.2001 / Brief von a.o. Univ.Prof. Dr. Bernhard Tschofen an Landeshauptmann Dr. Herbert Sausgruber

 

Betr.: Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht"

 

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,

den Medien entnehme ich, dass Sie sich dieser Tage gegen eine Förderung der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung ausgesprochen haben. Dabei haben Sie die Ablehnung beantragter Landesmittel auf eine zunächst einmal Liberalität signalisierende und "unpolitische" Art und Weise vertreten.

Nun bin ich auch nicht der Ansicht, dass jede Ausstellung an jedem Ort zu sehen sein muss; in diesem Fall bitte ich Sie aber Ihre Haltung, Interessierte könnten sich ohnehin an den vielen Ausstellungsorten des deutschen Sprachraums informieren, zu überdenken. Sie stellen damit nicht nur die Relevanz der Schau (und des Ausstellungsthemas an sich) für das Land Vorarlberg in Frage, sondern decken mit Ihrer Ablehnung unausgesprochen auch die Position des Koalitionspartners, dessen Haltung in dieser Sache sich durch bewusste Fehlinformation und ein klar zu verurteilendes politisches Kalkül auszeichnet.

Sie wissen selbst: die Aussage Ihres "Statthalters", dass "...die Ausstellung wegen Geschichtsfälschung zurückgezogen werden [musste]", entbehrt jeder Tatsache. Auch arbeitet der nunmehr präsentierte zweite Teil der überarbeiteten Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" nicht - wie LStH Gorbach unterstellt - mit "Pauschalverurteilungen", schon gar nicht hat sie eine "verhetzerische Darstellung dieser wichtigen Epoche" im Sinn. Dass einige Korrekturen im Hinblick auf die Bestimmung von Bildquellen notwendig waren (übrigens: fehlerfreie Ausstellungen gibt es auf keinem Gebiet), ändert nichts an der Grundthese der Beteiligung der Wehrmacht am rassistischen Vernichtungskrieg in Osteuropa. Daneben reflektiert die Ausstellung nun auch mit der Nachgeschichte des Vernichtungskriegs Fragen des Erinnerns und Vergessens und macht die Debatte um die Rolle der Wehrmacht transparent.

In diesem Sinne bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, Ihre Position in dieser Angelegenheit zu überdenken und Ihre allenfalls ablehnende Haltung durch deutliche Argumente zum Ausdruck zu bringen. Sie könnten sich ansonsten verdächtig machen, eine politische Orientierung zu teilen, die auf der Räson gegenüber dem rechtsextremen und die Verbrechen des NS-Staates leugnenden Lager gründet.

Angesichts einer in den vergangenen Jahren nicht durch besondere Budgetobservanz berühmt gewordene Ausstellungspolitik des Landes Vorarlberg bin ich im übrigen der Meinung, dass die erforderlichen Mittel für die Unterstützung eines Gastspiels der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" mehr als gerechtfertigt wären. Und dies einmal ganz abgesehen von der - durch den Stil der jüngsten Debatte wieder sichtbar gewordenen - Notwendigkeit einer fortgesetzten und forcierten Aufarbeitung der NS-Zeit in Vorarlberg!

 

Mit freundlichen Grüssen nach Vorarlberg

Bernhard Tschofen

 

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